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31. Mai 2001

Rede-Manuskript

Es gilt das gesprochene Wort!

Herr Präsident, meine Damen und Herren,

wir führen vielleicht heute eine der wichtigsten Debatten, die überhaupt je im Bundestag geführt wurden.

Wir stehen vor der Frage, ob Menschen die Würde und das Lebensrecht abgesprochen wird - erstmalig in der Bundesrepublik. Wir stehen vor der Frage, ob wir es zulassen, Menschen zu selektieren, zu vernutzen oder der Forschung als Objekt zuzuführen - ja, ob wir sogar Menschen produzieren, um sie hinterher zu verwerten. Wir stehen vor der Frage, ob dem Menschen Würde und damit Lebensrecht zukommt, egal wie jung oder alt, ob behindert oder nichtbehindert, und egal welche genetische Qualität er hat.

Bisher gab es breite Übereinstimmung, daß jeder Lebensrecht und Würde besitzt: Einfach, weil er eben Mensch ist! Bisher gab es ebenfalls breite Übereinstimmung, wann das Leben beginnt - übrigens mehr als über den Zeitpunkt des Lebensendes. Vor noch nicht langer Zeit waren sich fast alle einig darüber, daß mit Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ein neuer Mensch entstanden ist. Wie anders wäre zu erklären, daß das Embryonenschutzgesetz vor 10 Jahren fast einstimmig verabschiedet wurde? Angesichts der neuen Techniken und Heilungsversprechen scheint das alles nicht mehr zu gelten.

Plötzlich wird ein inflationärer Gebrauch der Menschenwürde beklagt. Plötzlich wird unterschieden zwischen Menschen und Personen. Sogar von abgestufter Menschenwürde ist die Rede.

Immer neue Definitionen von Menschsein sollen erklären, warum jemand kein Mensch mehr ist. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sagt sogar ausdrücklich, daß das Grundrecht auf Forschungsfreiheit höher stehen kann als das Grundrecht auf Leben. Der Kulturstaatsminister erklärt, daß nur der Menschenwürde besitzt, der Selbstachtung besäße. Weiß Herr Nida-Rümelin eigentlich, was seine Logik für Säuglinge - insbeosndere wenn sie schwerbehindert sind-, für Altersdemente, Menschen mit geistigiger Behinderung oder Komapatienten bedeutet? Weiß Herr Schröder, was für Folgen es haben kann, wenn er den Wirtschaftsstandort Deutschland für wichtiger hält als "ideologische Scheuklappen grundsätzliche Verbote" in der Bio- und Gentechnik?

"Die Menschenwürde ist unantastbar" - das ist ein grundsätzliches Verbot, ein Dogma. Und es ist aufgrund unserer Geschichte so fundamentalistisch in unserer Verfassung verankert worden, daß es mit keiner noch so großen Mehrheit des Bundestages aufgehoben werden kann. Und hinter diesem ersten Artikel unseres Grundgesetzes steht keine Klammer und kein Komma nach dem Motto: "es sei denn, in anderen Ländern wird die Menschenwürde verletzt". Weil das so ist, versuchen viele, die menschliches Leben selektieren, verwerfen und töten wollen, ihm das Menschsein abzusprechen.

Wenn Sie die Debatten der letzten Monate verfolgt haben, scheint es kein größeres Problem in Deutschland zu geben, als die sogenannte Präimplantationsdiagnostik - also die Möglichkeit, über künstliche Befruchtung schon im Reagenzglas erbkranken Nachwuchs auszumerzen. Die Forschungsministerin ist dafür, die Gesundheitsministerin nicht dagegen - und der Präsident der DFG auch. Kerngesunde Kinder werden genetisch belasteten Eltern auf diesem Wege versprochen.

Ich kenne Behinderungsformen mit Hunderten und Tausenden Betroffenen, die davon träumen, daß wegen ihnen Bioethik-Kommissionen, Ärztekammern, Forschungsorganisationen, Parteien und die Regierung tätig werden!

Vielen, die hier von Barmherzigkeit und Mitleid reden, scheint es aber um etwas anderes zu gehen. Denn wie anders ist zu erklären, daß die realen Zahlen der PID nicht zur Kenntnis genommen werden?

Tatsache ist, daß die bisher wohl größte PID-Datenerhebung der Europäischen Gesellschaft für menschliche Fortpflanzung und Embryologie besagt, daß bei 886 Paaren, die sich zwischen 1993 und 2000 dem PID-Verfahren unterzogen haben, nur 123 Geburten mit 162 Kindern zu verzeichnen waren. Mit anderen Worten: Nur jede siebte Frau bekommt überhaut ein Kind. Bei 100 Paaren in Deutschland hätten nur 14 eine Geburt zu verzeichnen.

Die Studie sagt weiter, daß für diese 123 Geburten 6465 Emryonen produziert wurden.

Und auch Abtreibungen wurden nicht verhindert - im Gegenteil! So wurden 4 % der Föten nach Pränataldiagnostik abgetrieben und nochmal 5 % durch sogenannte "Mehrlingsreduktion" getötet, also durch das Abspritzen im Mutterleib.

Wer diesen Menschenverbrauch leugnet, der macht sich nicht nur am menschlichen Leben schuldig, sondern auch an den Eltern, die den Versprechungen der PID-Befürworter glauben.

Ich habe den Verdacht, es geht den PID-Befürwortern gar nicht um die Paare, die sich sehnlichst ein gesundes Kind wünschen.

Es geht vielmehr darum, endlich in Deutschland legal an sogenannte überzählige Embryonen zu gelangen. Es geht darum, endlich den Embryonenschutz zu knacken. Man will endlich statt mit Ratten- und Mäuseembryonen mit menschlichen Embryonen experimentieren. Und welche Embryonen eignen sich besser für die Keimbahntherapie - also den Menschen aus dem Genbaukasten - als eben die Embryonen mit den "schlechten" Genen, die man dann gegen "gute" Gene austauschen kann. Wie viel Geld ließe sich in den Befruchtungskliniken mit diesem Selektionsverfahren verdienen? Und wer will eigentlich noch Paaren das Klonen verbieten, wenn sie ansonsten Gefahr laufen, keine genetisch eigenen Kinder zu bekommen?

Wer erklärt, die PID sei auf einige wenige, "schwerste" Behinderungen einzugrenzen, den fordere ich auf, endlich zu sagen, welche Behinderungen er meint und welche Behinderten er aussortieren will!

Wer das Ausland betrachtet wird feststellen, daß gerade die Länder, die Embryonen die Menschenwürde abgesprochen haben, dies inzwischen auch beim geborenen Leben tun.

Nur ein Beispiel: In Großbritannien hat man einen jungen Mann nach vier Jahren Wachkoma und nach höchstrichterlicher Entscheidung die Magensonde entzogen und ihn verhungern lassen. Danach folgten immer mehr Patienten, die man verhungern ließ.

1996 hat Professor David Morton vom Nuffield Council of Bioethics vorgeschlagen, Wachkomapatienten für fremdnützige Experimente zu benutzen. Begründung: Man lasse sie ja sowieso sterben, und wenn man sie vorher für die Forschung nutzt, bräuchte man weniger Versuchstiere, und die Ergebnisse seien genauer als bei Schimpansen. Danach wurde sogar die Frage gestellt, ob man diesen Patienten das Recht auf Organspende nehmen könnte. Konsequenterweise hat am 1.11.1997 das Internationale Forum für Transplantationsethik in "Lancet" vorgeschlagen, die Wachkomapatienten mit einer Giftspritze zu töten, da nach dem Hungertod die Organe unbrauchbar seien.

Natürlich wird jeder sagen, das wollen wir nicht, obwohl der Zweck auch dabei das Heilen ist. Aber hätten nicht auch noch vor wenigen Jahren viele abgestritten, je darüber zu diskutieren, Embryonen zu klonen und sie als Ersatzteillager zu benutzen?

Lassen Sie uns diese Türen nicht aufmachen! Fördern wir Forschung, auch Gen-Forschung, die dem Menschen dient, und nicht, wo der Mensch der Forschung dient.

Wir schaffen das Leid nicht dadurch aus unserer Gesellschaft, daß wir die Leidenden aus unserer Gesellschaft entfernen. Eine Ethik des Heilens durch Töten darf es nicht geben!

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